Was uns nicht umbringt, macht uns stärker – dieses populäre Sprichwort hat eine solide biologische Grundlage. Das Hormesis-Prinzip beschreibt das Phänomen, dass moderate Stressoren gesundheitsförderliche Anpassungsreaktionen auslösen, während die gleichen Faktoren in hoher Dosis schädlich wären. Prof. Dr. Jörg Spitz erklärt die faszinierende Welt der Reizmedizin.
Kältereize sind ein klassisches Beispiel für Hormesis. Kurzes Eintauchen in kaltes Wasser, Wechselduschen oder Kältekammern aktivieren eine Kaskade gesundheitsfördernder Reaktionen: Ausschüttung von Noradrenalin (antidepressiv und schmerzhemmend), Aktivierung brauner Fettgewebszellen (Thermogenese), Stärkung des Immunsystems und verbesserte Glukosetoleranz. Die „Kältetherapie nach Wim Hof" basiert auf diesen Prinzipien.
Intermittierendes Fasten – der periodische Verzicht auf Nahrung – ist ein weiteres hormestisches Instrument. Fasten aktiviert die Autophagie (zelluläre Selbstreinigung), verbessert die Insulinsensitivität, reduziert Entzündungsmarker und fördert die Neuroplastizität. 16:8-Fasten (16 Stunden fasten, 8 Stunden essen) ist die verbreitetste und gut verträgliche Variante, die Prof. Dr. Spitz für gesunde Erwachsene empfiehlt.
Hitze als Reiz – Saunagänge – zeigt ähnliche hormetische Wirkungen. Regelmäßiges Saunieren reduziert nachweislich das Herzerkrankungsrisiko, verbessert die Gefäßelastizität, fördert die Ausscheidung fettlöslicher Toxine über den Schweiß und aktiviert Hitzeschockproteine, die als zelluläre Schutzproteine fungieren.
Prof. Dr. Spitz betont, dass Reizmedizin Dosierung und Erholung erfordert. Der Körper stärkt sich nicht während des Reizes, sondern in der anschließenden Erholungsphase – ein Prinzip, das auch aus dem Sporttraining bekannt ist (Superkompensation). Übertriebene, zu häufige oder zu intensive Reize führen zu Erschöpfung statt Stärkung.